20. Juli 2026 | BAG RelEx

Rückblick auf unsere Veranstaltungen von wissenschaft:praxisnah im Frühjahr/Sommer 2026

Islamistische, nationalistische und rechtsextreme Mobilisierungsprozesse entfalten sich zunehmend in transnationalen Räumen. Diaspora-Communities geraten dabei in doppelter Hinsicht in den Fokus: als Adressat*innen ideologischer Mobilisierung und zugleich als Ziel von Einschüchterung und transnationaler Repression. Welche Folgen haben diese Dynamiken für Menschen, deren gesellschaftlicher und politischer Lebensmittelpunkt in Deutschland liegt und die von diesen Entwicklungen betroffen sind? Und wie können Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft gemeinsam differenziert und nachhaltig darauf reagieren?

Diese Themen standen unter der Überschrift „Diaspora-Communities im Spannungsfeld transnationaler Einflüsse – zwischen hybriden Ideologien und transnationaler Repression“ im Mittelpunkt zweier Veranstaltungen unseres Projekts wissenschaft:praxisnah in diesem Frühling und Sommer:

  • Parlamentarisches Frühstück am 7. Mai 2026 unter der Schirmherrschaft von Helge Lindh (MdB, SPD) zum Thema und
  • Interdisziplinäre Austauschplattform am 3. Juli 2026 in der Landesvertretung Bremen in Berlin

Transnationale Dynamiken in der postmigrantischen Gesellschaft

Ein zentraler Ausgangspunkt beider Veranstaltungen war die Frage, wie transnationale Einflussnahme, ideologische Mobilisierung und politische Repression in einer postmigrantischen Gesellschaft gefasst werden können.

Diese Diskussion hat aufgezeigt, dass türkischer Ultranationalismus, islamistische Mobilisierung und/oder transnationale Repression zwar über grenzüberschreitende Netzwerke, staatliche und staatsnahe Akteure sowie digitale Kommunikationsräume wirken; zugleich entfalten sie aber ihre Wirkung innerhalb der deutschen Gesellschaft und entwickeln hier eigene Organisationsformen, Deutungsmuster und Mobilisierungsstrategien. Eine differenzierte Analyse muss diese Phänomene daher als Bestandteil der deutschen Gegenwartsgesellschaft begreifen. Es handelt sich um genuine Herausforderungen für Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt, Präventionsarbeit und innere Sicherheit in Deutschland.

Hybride Ideologien und ideologische Brückennarrative

Besondere Aufmerksamkeit galt den Überschneidungen zwischen unterschiedlichen extremistischen und antidemokratischen Strömungen. Rechtsextremismus, Ultranationalismus und Islamismus treten nicht immer als klar voneinander abgegrenzte Ideologien auf. In transnationalen und diasporischen Kontexten können sie sich wechselseitig verstärken und zu hybriden ideologischen Formationen verbinden. Auch gewinnen Narrative an Bedeutung, die über unterschiedliche ideologische Milieus hinweg anschlussfähig sind. Antisemitismus kann beispielsweise als ideologisches Brückennarrativ fungieren, das islamistische, ultranationalistische, rechtsextreme und antiwestliche Positionen miteinander verbindet. Auch Antifeminismus, die Abwehr vermeintlicher „Genderideologien“ und Verschwörungserzählungen ermöglichen neue Allianzen zwischen Gruppierungen und Akteure über unterschiedliche Phänomenbereiche hinweg.

Diese Entwicklungen verdeutlichten in der Diskussion, dass etablierte Kategorien zwar weiterhin notwendig sind, für die Analyse gegenwärtiger Radikalisierungsprozesse jedoch teilweise immer wieder auch an ihre Grenzen stoßen.

Die Rolle von Diaspora-Communities

Auch über die Rolle von Diaspora-Communities wurde ausführlich gesprochen, sowohl über die Begrifflichkeit selbst als auch über die unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Funktionen diasporischer Strukturen. Dabei wurde betont, dass Diaspora-Communities weder als homogene Kollektive noch ausschließlich aus einer defizitorientierten Perspektive betrachtet werden dürfen. Sie umfassen unterschiedliche politische Positionierungen, Generationserfahrungen, Interessen und gesellschaftliche Ressourcen.

Diasporische Räume können einerseits Adressat politischer oder ideologischer Mobilisierung sowie staatlicher und staatsnaher Einflussnahme sein. Andererseits sind sie wichtige Orte demokratischer Selbstorganisation, gesellschaftlicher Teilhabe und oppositionellen Engagements. Gerade ihre Erfahrungen und Wissensbestände können dazu beitragen, transnationale Einflussnahme und Repression frühzeitig zu erkennen und tragfähige Gegenstrategien zu entwickeln. Entsprechend wurde dafür plädiert, Diaspora-Communities stärker als eigenständige Akteure einzubeziehen.

Zwischen Prävention, Repression und institutioneller Verantwortung

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussionen lag auf der Frage, wie institutionell auf transnationale Bedrohungslagen reagiert werden kann. Dabei ging es sowohl um die Möglichkeiten und Grenzen repressiver Instrumente wie Vereinsverbote als auch um langfristige Präventionsansätze, digitale Mobilisierungsräume, Finanzierungsstrukturen und lokale Organisationsformen. In der Diskussion wurde u.a. deutlich: Notwendig sind langfristige Präventionsansätze, die digitale Mobilisierungsräume, Finanzierungsstrukturen und lokale Organisationsformen ebenso berücksichtigen wie die Sensibilisierung kommunaler Akteur*innen. Da transnationale Einflussnahme u.a. auch in Schulen, Vereinen und kommunalen Strukturen sichtbar wird, wurde immer wieder über eine engere ressortübergreifende Zusammenarbeit und Sensibilisierung für das Thema gesprochen.

Wissenschaft:praxisnah als Raum für interdisziplinäre Verständigung

Die beiden Veranstaltungen haben noch einmal verdeutlicht, wie wichtig strukturierte Räume sind, in denen unterschiedliche fachliche, institutionelle und politische Perspektiven miteinander in Beziehung gesetzt werden, gerade auch, wenn es um die Bearbeitung hybrider, grenz- und ressortübergreifender Bedrohungen geht. Genau hier setzt wissenschaft:praxisnah an: Das Format schafft einen strukturierten Rahmen, in dem Forschung, Verwaltung, Politik und Praxis nicht aneinander vorbei, sondern miteinander sprechen, mit der nötigen Zeit für Rückfragen, Widerspruch und Differenzierung. Beide Veranstaltungen haben gezeigt, wie viel Erkenntnisgewinn in diesem direkten Austausch liegen kann, gerade weil er selten in dieser Offenheit stattfindet.

An viele dieser Themen knüpfen wir im Herbst und Winter mit weiteren Austauschformaten im Rahmen von wissenschaft:praxisnah an. Ziel ist es, die begonnenen Diskussionen fortzuführen, unterschiedliche Wissensbestände stärker miteinander zu verzahnen und daraus tragfähige Analyse- und Handlungsansätze für Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Praxis zu erörtern.

 

Für unsere Arbeit im Rahmen des Projekts wissenchaft:praxisnah erhalten wir eine Förderung der Bundeszentrale für politische Bildung.

 

 

 

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