26. Mai 2026 | BAG RelEx
Rückblick auf das Fachgespräch am 11. Mai 2026: „Tradwives, TikTok, Theologie“
Am 11. Mai 2026 fand im Rahmen von KN:IX connect in der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin ein Fachgespräch statt, das ein Thema in den Mittelpunkt rückte, das in der öffentlichen Debatte noch immer unterschätzt wird: christlicher Fundamentalismus beziehungsweise Nationalismus in Deutschland – trotz seiner mittlerweile wachsenden gesellschaftlichen Reichweite, seiner digitalen Strategien und politischen Einflussnahmen. Unter dem Titel „Tradwives, TikTok, Theologie: Christlicher Fundamentalismus zwischen politischer Einflussnahme und ästhetischer Normalisierung“ kamen Fachleute aus Beratungspraxis, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Behörden und Theologie zusammen, um das Phänomen gemeinsam zu beleuchten und einzuordnen.

©Michel Buchmann für BAG RelEx
Gleich zu Beginn des Abends wurde ein wichtiger Rahmen gesetzt: Bei der Veranstaltung ging es nicht darum, religiös konservative Milieus pauschal unter Verdacht zu stellen. Christlicher Glaube in seiner Vielfalt ist nicht problematisch. In den Blick genommen wurden jene Strömungen, in denen religiöse Überzeugungen zur Ablehnung pluralistischer Gesellschaftsmodelle und demokratischer Grundwerte führen. Dass dies mittlerweile kein Randphänomen mehr ist, zeigte ein Blick in die Beratungspraxis: Die Beratungsanfragen sind laut SektenInfo Berlin seit 2017 kontinuierlich angestiegen. Auch aus der Mitgliedschaft der BAG RelEx vernehmen wir von unseren Mitgliedern, dass die Beratungsanfragen in diesem Themenbereich in den letzten Monaten sprunghaft angestiegen sind.
Die SektenInfo Berlin beobachtet zudem eine Zunahme niedrigschwelliger Angebote für Kinder und Jugendliche. Immer häufiger erhalten sie Hinweise auf kostenlose Freizeit- und Unterstützungsangebote wie Hausaufgabenhilfe, Ferienfahrten sowie Sport- oder Kreativprogramme. Diese Angebote entlasten Familien und wirken auf den ersten Blick positiv – zugleich fehlt jedoch häufig Transparenz darüber, wer hinter diesen Angeboten steht und welche Werte oder Weltbilder vermittelt werden.
Bei genauerem Hinsehen lassen sich viele dieser Angebote evangelikalen oder pfingstkirchlichen Gruppierungen zuordnen. Betroffene Eltern und Fachkräfte berichten zudem von mangelnder Transparenz, fragwürdigen pädagogischen Konzepten beziehungsweise unklaren Qualifikationen der Mitarbeitenden sowie einem ausgeprägten Missionierungsdrang der Akteure.
Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt des Abends galt der historischen Einordnung und den politischen Dimensionen des Phänomens. Christlicher Fundamentalismus, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf Modernisierung und Säkularisierung entstand, hat sich seit den 2000er Jahren zunehmend zu einem christlichen Nationalismus weiterentwickelt. Zugehörigkeit wird kulturell-religiös definiert, politische Fragen werden göttlich begründet, und gesellschaftlicher Wandel wird als Kampf gegen eine „widergöttliche Ordnung“ gerahmt. Diese Strömungen sind transkonfessionell und funktionieren über flexible Netzwerke statt kirchlicher Strukturen. Ihr Ziel ist nicht in erster Linie die offene politische Allianz mit rechten Parteien, sondern die langfristige Prägung eines bestimmten christlichen Weltbildes in Bildung, Medien und Wirtschaft. Der Kampf gegen geschlechtliche Vielfalt und Feminismus ist dabei ein verbindendes, transkonfessionelles Element, das von einflussreichen und gut finanzierten Akteuren weltweit vorangetrieben wird.

©Michel Buchmann für BAG RelEx
Besondere Aufmerksamkeit erhielt beim Fachgespräch die Rolle sozialer Medien bei der Verbreitung und Normalisierung fundamentalistischer Inhalte. Christliche Influencer*innen – sogenannte Christfluencer – produzieren ästhetisch hochwertige Formate, um das Gefühl von Gemeinschaft und Anschluss zu schaffen. Politische und religiöse Inhalte werden visuell gleichbehandelt und damit nebeneinandergestellt – was zu Normalisierung führen kann. Klare Dualismen, eindeutige Antworten auf komplexe Fragen und eine starke Gruppenidentität machen diese Inhalte besonders anschlussfähig für Menschen, die Orientierung, Sinn oder Zugehörigkeit suchen. Dies betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche. Algorithmen und Filterblasen verstärken die Reichweite. Gleichzeitig wurde betont: Bildsprache allein manipuliert nicht. Ihre Wirkmacht ist abhängig von Lebenssituation, Biografie und sozialem Umfeld und genau deshalb braucht es in Bildungskontexten eine gezielte Auseinandersetzung mit den Ideologien hinter dieser ästhetischen Oberfläche.

©Michel Buchmann für BAG RelEx
In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, was es braucht, um diesen Entwicklungen wirksam zu begegnen: Mehr Medienbildung für Kinder und Jugendliche, aber auch von Erwachsenen bspw. Lehrer*innen, mehr Sensibilisierung in Institutionen, einen stärkeren Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis sowie eine Haltung, die weder Verharmlosung noch Alarmismus kennt, sondern Ambiguitäten aushält und benennt. Christlicher Fundamentalismus in Deutschland ist ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem. Darin waren sich alle Beteiligten einig. Dabei lohnt auch ein Blick auf Parallelen zum Islamismus: Beide Phänomene teilen ein wortgetreues Schriftverständnis, ein dualistisches Weltbild mit klar konstruierten Feindbildern, exklusive Wahrheitsansprüche sowie antifeministische und gegen geschlechtliche Vielfalt gerichtete Positionen. In beiden Fällen wird religiöse Normierung als Anspruch formuliert, gesellschaftliche Ordnung zu gestalten – und in beiden Fällen verbreiten sich entsprechende Inhalte zunehmend über soziale Medien, wo sie in ästhetisierten Formaten neue Zielgruppen erreichen. Diese Parallelen machen einen vergleichenden Blick in der Prävention nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.
Wir danken allen Teilnehmenden, den Referent*innen, der Landesvertretung Baden-Württemberg sowie unseren Fördergebern des BMBFSFJ im Rahmen von „Demokratie leben“ und der Landeskommission Berlin gegen Gewalt, ohne deren Unterstützung die Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre.