12. November 2020 | BAG RelEx

Radikalisierungsfaktor Soziale Ungleichheit?

Am 26. und 27. Oktober haben wir unter dem Titel Radikalisierungsfaktor Soziale Ungleichheit? unseren ersten digitalen Fachtag veranstaltet.  Mit diesem Artikel wollen wir auf zwei interessante und anregende Tage zurückblicken.  Während der beiden Tage haben wir die Veranstaltung über unseren Twitter-Account begleitet und einige Teilnehmende haben unter dem Hashtag #bagrelex ebenfalls ihre Eindrücke festgehalten. Einige Einblicke (auch hinter die Kulissen) finden Sie also auch bei Twitter.

In Kürze finden Sie hier auch ein Video, in dem wir die Highlights des Fachtages für Sie aufbereiten. Da das Thema auf ein großes Interesse gestoßen ist, möchten wir zudem auf die kommende Ausgabe unserer Zeitschrift Ligante. Fachdebatten aus der Präventionslandschaft verweisen. Die dritte Ausgabe der Ligante erscheint demnächst und greift das Thema eines potenziellen Zusammenspiels von sozialer Ungleichheit und Radikalisierung auf.

Wieso das Thema soziale Ungleichheit?

In Wissenschaft und Praxis werden diverse Einflussfaktoren für eine mögliche Radikalisierung erforscht, beobachtet und diskutiert. Die Folgen und möglichen Auswirkungen sozialer Ungleichheit werden dabei bisher nur bedingt in den Blick genommen. Dies zeigt sich auch im aktuell noch jungen Forschungsstand zu diesem Themenkomplex. Mit unserem zweitägigen Fachtag Radikalisierungsfaktor Soziale Ungleichheit? haben wir den Teilnehmenden und uns die Möglichkeit gegeben, sich diesem Thema aus verschiedenen Perspektiven anzunähern.

In der Diskussion um mögliche Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf Radikalisierung ist es uns wichtig hervorzuheben, dass soziale Ungleichheit an sich problematisch ist und nicht erst problematisch wird, wenn sie in diesem Zusammenhang thematisiert wird. Wir vertreten die Ansicht, dass es für unseren Arbeitsbereich essenziell ist, den Blick für die Auswirkungen sozialer Ungleichheit zu schärfen. Damit wollen wir die Auseinandersetzung mit Verschränkungen von Radikalisierungsfaktoren anregen, die sonst oftmals hinter anderen Diskussionen zurückbleiben.

Tag eins – Grundlagen und Auswirkungen struktureller Ungleichheiten

Sowohl bei sozialer Ungleichheit wie auch bei Radikalisierung handelt es sich um hochkomplexe Themen. Für die Diskussion eines potenziellen Zusammenspiels ist es deshalb notwendig, ein gemeinsames Verständnis beider Konzepte zu schaffen. Darauf lag der Fokus des ersten Tages.

Nach der Begrüßung durch die Koordinator*innen der BAG RelEx, Jamuna Oehlmann und Rüdiger José Hamm, vermittelte Prof. Dr. Boike Rehbein (Humboldt-Universität zu Berlin) in seinem Vortrag „Was ist soziale Ungleichheit? Klassen, Kulturen, Kapital und Habitus“ ein grundlegendes Verständnis des Konzeptes. Dabei erläuterte er die verschiedenen Dimensionen und stellte heraus, dass sich soziale Ungleichheit nur historisch und multidimensional verstehen lässt. Zudem beschrieb er ihre Entstehung und Funktionsweise in kapitalistischen Gesellschaften. Den Transfer zwischen beiden Forschungsgebieten stellte Prof. Peter Neumann (King’s College London) in seinem Vortrag „Bausteine der Radikalisierung – Soziale Ungleichheit im Kontext“ her. Dabei erläutert er einzelne Bausteine, die in einem Radikalisierungsprozess von Bedeutung sein können und diskutierte einen möglichen Bezug zu sozialer Ungleichheit.

Nach den Eingangsvorträgen wurde in zwei parallellaufenden Infoshops anhand von Beispielen auf mögliche Auswirkungen struktureller Ungleichheiten eingegangen. Dr. Britta Elena Hecking (KIgA e. V.) diskutierte in ihrem Infoshop „Radikalisierung im Kontext städtischer Ungleichheit – humangeografische Perspektiven“, inwiefern soziale Ungleichheit auf die Zusammensetzung von Sozialräumen wirkt. Darüber hinaus diskutierte sie, wie sich soziale und geografische Positionen gegenseitig beeinflussen. Axel Schurbohm (BAG RelEx) richtete in seinem Infoshop „Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf den Bildungs(miss)erfolg“ den Blick auf die Institution Schule. Er ging unter anderem auf die Bedingungen ein, die Schüler*innen aufgrund unterschiedlicher Startbedingungen haben. Weiterhin zeigte er auf, welche Herausforderungen in der Jugendphase zu bewältigen sind und wie sowohl Schule als auch sozioökonomische Bedingungen in der Familie dazu beitragen können, dass die Bewältigung dieser Aufgaben gelingt oder auch nicht gelingt.

Tag zwei – Ein Blick in die Praxis

Wurde am ersten Tag stärker eine theoretische Perspektive eingenommen, lag der Fokus des zweiten Tages auf der pädagogischen Praxis. Nach einem kurzen Rückblick auf die Inhalte des ersten Tages, begann die weiteren Infoshops.

Dr. Vera Dittmar und Alexander Gesing vom Beratungsnetzwerk Grenzgänger (IFAK e. V.) verknüpften in ihrem Infoshop „Arm und Radikal? Auswirkungen von sozialer Ungleichheit auf Hinwendungsprozesse zum religiös begründeten Extremismus“ theoretische wie lebensweltliche Perspektiven auf soziale Ungleichheit mit ihren Erfahrungen aus der Tertiärprävention im Bereich islamistischer Extremismus. Auch beleuchteten sie anhand eines Fallbeispiels die konkrete Wahrnehmung sozialer Ungleichheit und mögliche Auswirkungen auf den Hinwendungsprozess. Im zweite Infoshop „Soziale Ungleichheit in Ansprache und Ideologie der Hizb ut-Tahrir“, richteten Matthias Schmidt und Sven-Jonas Martiensen von Kamil 2.0 (BIG e. V.) den Blick auf extremistische Gruppierungen selbst. Am Beispiel der Hizb ut-Tahrir diskutieren sie das Aufgreifen sozialer Ungleichheit und ordnen es in die Ansprache und Ideologie der Gruppe ein. Auf dieser Grundlage formulierten sie Implikationen für die pädagogische Arbeit.

Derviş Hızarcı, Programmdirektor der Alfred Landecker Foundation und Vorstandsmitglied der KIgA und der BAG RelEx, rundete den Fachtag mit seinem Vortrag „Lessons learned: Mögliche Implikationen für die Präventionsarbeit“ ab.

Zur Übersicht finden Sie hier das Programm des Fachtages als PDF.

overview