9. August 2022 | BAG RelEx

Fachgespräch „Christlicher und Islamisierter Antisemitismus“ – ein Rückblick

Antisemitismus hat viele Erscheinungsformen. Er ist zentral für rechtsextreme Ideologie und auch von großer Bedeutung in religiösen Kontexten. Im Christentum war er fast zweitausend Jahre lang in der Form des christlichen Antijudaismus eine zentrale Denkfigur. Auch in islamistischen Kontexten spielt Antisemitismus eine wesentliche Rolle. Oft wird dieser Aspekt jedoch nicht sachlich analysiert und bearbeitet, sondern dazu missbraucht, um so vor allem antimuslimischen Rassismus zu schüren. Als sei Antisemitismus nicht auch ein wesentlicher Teil der Denktraditionen der europäischen Mehrheitsgesellschaft und ein gesamtgesellschaftliches Problem – nicht primär eines von als muslimisch gelesenen Menschen.

Im Rahmen unseres Fachgesprächs, das wir am 23. Juni 2022 in Kooperation mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus (BAG K+R) veranstaltet haben, sind wir unter anderem der Frage nachgegangen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Formen des religiös begründeten Antisemitismus bestehen. Dem Vortrag und Kommentar zu christlichem sowie islamisierten Antisemitismus schloss sich eine Zusammenführung der beiden Bereiche sowie eine Fishbowl-Diskussion an. Bei der Diskussion hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit ihre Fragen und Kommentare zu stellen, mit den Referent*innen ins Gespräch zu kommen und so an der Diskussion teilzuhaben. Die Vorträge und Kommentare wurden gehalten von:

  • Dr. Christian Staffa
    Promovierter Theologe, Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche an der Evangelischen Akademie zu Berlin, Antisemitismusbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland und Mitglied des Sprecher*innenrats der BAG K+R
  • Amir Alexander Fahim
    Religionswissenschaftler und Leiter der Projekte „Präventionsnetzwerk gegen religiös begründeten Extremismus“ sowie „Muslimisch gelesene Vielfalt im Gespräch“ der Türkischen Gemeinde in Deutschland e. V.
  • Derviş Hızarcı
    Vorstandsvorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e. V.) und der BAG RelEx, Mitglied des Beratungskreis des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus
  • Dr. Milena Hasselmann
    Pfarrerin am Institut Kirche und Judentum (gemeinsam getragen von Humboldt Universität und Ev. Landeskirche) und in der Evangelischen Kirchengemeinde in Pankow-Heinersdorf
  • Dr. habil Klaus Holz
    Soziologe und Antisemitismusforscher, Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland e. V.

Im ersten Vortrag widmete sich Dr. Christian Staffa der christlichen Signatur von Antisemitismus, der christlichen Selbstwahrnehmung und Positionierung gegenüber dem Judentum. Zudem ging er auch auf sowie inhaltliche Topoi und antisemitische Stereotype ein, die uns in der christlichen Tradition begegnen. Der Vortrag wurde um einen Kommentar von Alexander Fahim ergänzt, in dem er unter anderem die Frage aufwarf, ob man nicht von Antisemitismen sprechen sollte und wie es sich mit Antisemitismus außerhalb säkularer Kreise verhält.

Im zweiten Vortrag zu islamisiertem Antisemitismus erörterte Derviş Hızarcı unter anderem zunächst die Herkunft und Verwendung des Begriffs islamisiert und umriss anhand von Beispielen aus der schulischen Bildungsarbeit, Umgang und Strategien in der Konfrontation mit islamisierten antisemitischen Topoi. Der anschließende Kommentar von Dr. Milena Hasselmann ging unter anderem auf die Frage ein, wie der Import beziehungsweise Re-Import des Antisemitismus instrumentalisiert wird. Darüber hinaus betonte sie die Notwendigkeit, sich sowohl auf individueller als auch auf (mehrheits)gesellschaftlicher Ebene dem eigenen Antisemitismus bewusst zu werden und einen richtigen Umgang damit zu finden. Dies bedeutet, sich zum einen mit antisemitischen Denktraditionen- und Strukturen auseinanderzusetzen und sich zum anderen Aktualisierungen sich wiederholender Debatten zu vergegenwärtigen. Während der Netzwerkpause hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, die Vorträge zu diskutieren und sich über eigene Erfahrungen auszutauschen.

Nach der anschließenden, von Dr. Klaus Holz präsentierten, Zusammenführung der bisherigen Inhalte, in der Gemeinsamkeiten und Differenzen der zwei Phänomene  analysiert und neue Perspektiven auf den Themenbereich eingenommen wurde, wurden der Austausch aus der Netzwerkpause im Rahmen in anderem Format fortgeführt: Als Abschluss der Veranstaltung wurde der Raum für Fragen und Kommentare im Rahmen einer anregenden Fishbowl-Diskussion geöffnet, in der Vortragende mit den Teilnehmenden in eine fruchtbare Diskussion treten und ihre eigenen Erfahrungen aus den verschiedenen Arbeitsbereichen teilen konnten.

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