4. February 2021 | BAG RelEx

Ligante#3 – Radikalisierungsfaktor soziale Ungleichheit?

Es ist so weit, unter dem Titel Radikalisierungsfaktor soziale Ungleichheit? ist die dritte Ausgabe unserer Zeitschrift Ligante. Fachdebatten aus der Präventionsarbeit nun für Sie verfügbar. Sie finden die Ligante#3 als PDF hier auf unserer Website und können die Print-Version gerne kostenfrei bei uns bestellen.

Wir haben die Ligante 2018 ins Leben gerufen, um die Debatten, die in unserem Fachbereich geführt werden, und die Themen, die wir als BAG RelEx anstoßen, einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Das Wort Ligante ist Esperanto und bedeutet Verknüpfung. Denn genau an dieser Stelle setzen wir an: Wir verknüpfen nicht nur Expert*innen innerhalb der zivilgesellschaftlichen Präventionsarbeit gegen religiös begründeten Extremismus, sondern stellen auch Verbindungen zu anderen Arbeitsbereichen, Netzwerken und Institutionen her.

Wieso das Thema soziale Ungleichheit?

Unser Anliegen ist es, den Arbeitsbereich Prävention gegen religiös begründeten Extremismus zu fördern, und wir freuen uns in diesem Kontext immer, uns mit neuen Themen auseinanderzusetzen. Die Frage nach möglichen Hintergründen von Radikalisierungsprozessen ist dabei eine der zentralen Fragen, die unseren Arbeitsbereich beschäftigen. In Wissenschaft und Praxis werden diverse Einflussfaktoren für eine mögliche Radikalisierung erforscht, beobachtet und diskutiert. Mögliche Folgen und Auswirkungen sozialer Ungleichheit werden dabei bisher nur bedingt in den Blick genommen. Aus diesem Grund widmen wir uns in der dritten Ausgabe der Ligante dem potenziellen Zusammenspiel sozialer Ungleichheit und Radikalisierung im Kontext von religiös begründetem Extremismus. Dazu haben wir verschiedene Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis eingeladen, sich dem Themenkomplex aus verschiedenen Perspektiven zu nähern.

In der Diskussion um mögliche Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf Radikalisierung ist es uns ein Anliegen zu betonen, dass soziale Ungleichheit an sich problematisch ist und nicht erst problematisch wird, wenn sie in diesem Zusammenhang thematisiert wird. Wir erachten es jedoch für unseren Arbeitsbereich als essenziell, den Blick für die Auswirkungen sozialer Ungleichheit zu schärfen. Dabei wollen wir die Auseinandersetzung mit Verschränkungen von Radikalisierungsfaktoren anregen, die oftmals hinter anderen Diskussionen zurückzubleiben droht. Die Analyse sozialer Ungleichheit und ihrer Folgen ermöglicht es uns auch, Forderungen auf einem neuen Gebiet zu formulieren. Sie gibt uns zudem die Möglichkeit, die Debatte um Radikalisierungsprozesse weg von populistischen und oftmals (latent) rassistischen Debatten um vermeintliche kulturelle oder religiöse Identität hin zu sachlicheren und zielführenden Diskussionen zu führen.

Das erwartet Sie in der Ligante#3

Das Zusammenspiel zwischen zwei so komplexen Themenbereichen kann man nur dann adäquat untersuchen und beschreiben, wenn man auf ein gemeinsames Verständnis beider Begriffe zurückgreifen kann. Daher bildet der Artikel von Prof. Dr. Boike Rehbein (Humboldt-Universität zu Berlin) den Auftakt. Er vermittelt ein grundlegendes Verständnis des komplexen Konzepts der sozialen Ungleichheit. Dabei erläutert er die verschiedenen Dimensionen desselben und zeigt, dass sich soziale Ungleichheit nur historisch und multidimensional verstehen lässt. Zudem beschreibt er ihre Entstehung und Funktionsweise in kapitalistischen Gesellschaften. Prof. Peter Neumann (King’s College London) stellt den Transfer zwischen den Forschungsgebieten her und erläutert einzelne „Bausteine“, die in einem Radikalisierungsprozess von Bedeutung sein können. Das zweite Kapitel der Ligante beleuchtet mögliche Auswirkungen struktureller Ungleichheiten anhand zweier Beispiele: Dr. Britta Elena Hecking (KIgA e. V. bis Ende 2020) untersucht aus humangeografischer Perspektive, inwiefern soziale Ungleichheit auf die Zusammensetzung von Sozialräumen wirkt und wie sich soziale und geografische Positionen gegenseitig beeinflussen. In Ihrem Beitrag nimmt sie Bezug auf unterschiedliche Debatten in diesem Kontext und ordnet diese ein. Die potenziellen Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf den Bildungs(miss)erfolg diskutiert Axel Schurbohm (BAG RelEx). In seiner Analyse richtet er den Blick auf die Institution Schule und geht unter anderem auf die Herausforderungen der Jugendphase und die Bedingungen ein, die Schüler*innen aufgrund unterschiedlicher Startbedingungen haben.

Im dritten Kapitel steht die pädagogische Praxis im Fokus und es werden weitere Auswirkungen und ein möglicher Umgang mit sozialer Ungleichheit im Kontext von Radikalisierungsprozessen thematisiert. Dr. Vera Dittmar und Alexander Gesing (IFAK e. V., Beratungsnetzwerk Grenzgänger) verknüpfen in ihrem Artikel theoretische wie lebensweltliche Perspektiven auf soziale Ungleichheit mit ihren Erfahrungen aus der Tertiärprävention im Bereich islamistischer Extremismus. Die konkrete biografisch-lebensweltliche Wahrnehmung sozialer Ungleichheit und mögliche Auswirkungen auf den Hinwendungsprozess werden anhand eines Fallbeispiels illustriert. Im darauffolgenden Artikel richten Matthias Schmidt und Sven-Jonas Martiensen (BIG e. V., Kamil 2.0) den Blick auf extremistische Gruppierungen selbst. Am Beispiel der Hizb ut-Tahrir diskutieren sie das Aufgreifen sozialer Ungleichheit und ordnen es in die Ansprache und Ideologie der Gruppe ein. Abschließend skizziert Charlotte Leikert (BAG RelEx) die Handlungsmöglichkeiten zivilgesellschaftlicher Träger. Dabei greift sie Stimmen aus den Mitgliedsorganisationen der BAG RelEx auf und gibt einen Ausblick.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

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