Radikalisierungsfaktor Soziale Ungleichheit?

Rückblick auf den Fachtag

Ende Oktober haben wir unter dem Titel Radikalisierungsfaktor Soziale Ungleichheit? unseren ersten digitalen Fachtag veranstaltet. Mit diesem Artikel wollen wir auf zwei interessante und anregende Tage zurückblicken. Während der beiden Tage haben wir die Veranstaltung über unseren Twitter-Account begleitet und einige Teilnehmende haben unter dem Hashtag #bagrelex ebenfalls ihre Eindrücke festgehalten. Einige Einblicke (auch hinter die Kulissen) finden Sie also auch bei Twitter.

In Kürze finden Sie hier auch ein Video, in dem wir die Highlights des Fachtages für Sie aufbereiten. Da das Thema auf ein großes Interesse gestoßen ist, möchten wir zudem auf die kommende Ausgabe unserer Zeitschrift Ligante. Fachdebatten aus der Präventionslandschaft verweisen. Die dritte Ausgabe der Ligante erscheint demnächst und greift das Thema eines potenziellen Zusammenspiels von sozialer Ungleichheit und Radikalisierung auf.

Wieso das Thema soziale Ungleichheit?

In Wissenschaft und Praxis werden diverse Einflussfaktoren für eine mögliche Radikalisierung erforscht, beobachtet und diskutiert. Die Folgen und möglichen Auswirkungen sozialer Ungleichheit werden dabei bisher nur bedingt in den Blick genommen. Dies zeigt sich auch im aktuell noch jungen Forschungsstand zu diesem Themenkomplex. Mit unserem zweitägigen Fachtag Radikalisierungsfaktor Soziale Ungleichheit? haben wir den Teilnehmenden und uns die Möglichkeit gegeben, sich diesem Thema aus verschiedenen Perspektiven anzunähern.

In der Diskussion um mögliche Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf Radikalisierung ist es uns wichtig hervorzuheben, dass soziale Ungleichheit an sich problematisch ist und nicht erst problematisch wird, wenn sie in diesem Zusammenhang thematisiert wird. Wir vertreten die Ansicht, dass es für unseren Arbeitsbereich essenziell ist, den Blick für die Auswirkungen sozialer Ungleichheit zu schärfen. Damit wollen wir die Auseinandersetzung mit Verschränkungen von Radikalisierungsfaktoren anregen, die sonst oftmals hinter anderen Diskussionen zurückbleiben.

Tag eins – Grundlagen und Auswirkungen struktureller Ungleichheiten

Sowohl bei sozialer Ungleichheit wie auch bei Radikalisierung handelt es sich um hochkomplexe Themen. Für die Diskussion eines potenziellen Zusammenspiels ist es deshalb notwendig, ein gemeinsames Verständnis beider Konzepte zu schaffen. Darauf lag der Fokus des ersten Tages.

Nach der Begrüßung durch die Koordinator*innen der BAG RelEx, Jamuna Oehlmann und Rüdiger José Hamm, vermittelte Prof. Dr. Boike Rehbein (Humboldt-Universität zu Berlin) in seinem Vortrag „Was ist soziale Ungleichheit? Klassen, Kulturen, Kapital und Habitus“ ein grundlegendes Verständnis des Konzeptes. Dabei erläuterte er die verschiedenen Dimensionen und stellte heraus, dass sich soziale Ungleichheit nur historisch und multidimensional verstehen lässt. Zudem beschrieb er ihre Entstehung und Funktionsweise in kapitalistischen Gesellschaften. Den Transfer zwischen beiden Forschungsgebieten stellte Prof. Peter Neumann (King’s College London) in seinem Vortrag „Bausteine der Radikalisierung – Soziale Ungleichheit im Kontext“ her. Dabei erläutert er einzelne Bausteine, die in einem Radikalisierungsprozess von Bedeutung sein können und diskutierte einen möglichen Bezug zu sozialer Ungleichheit.

Nach den Eingangsvorträgen wurde in zwei parallellaufenden Infoshops anhand von Beispielen auf mögliche Auswirkungen struktureller Ungleichheiten eingegangen. Dr. Britta Elena Hecking (KIgA e. V.) diskutierte in ihrem Infoshop „Radikalisierung im Kontext städtischer Ungleichheit – humangeografische Perspektiven“, inwiefern soziale Ungleichheit auf die Zusammensetzung von Sozialräumen wirkt. Darüber hinaus diskutierte sie, wie sich soziale und geografische Positionen gegenseitig beeinflussen. Axel Schurbohm (BAG RelEx) richtete in seinem Infoshop „Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf den Bildungs(miss)erfolg“ den Blick auf die Institution Schule. Er ging unter anderem auf die Bedingungen ein, die Schüler*innen aufgrund unterschiedlicher Startbedingungen haben. Weiterhin zeigte er auf, welche Herausforderungen in der Jugendphase zu bewältigen sind und wie sowohl Schule als auch sozioökonomische Bedingungen in der Familie dazu beitragen können, dass die Bewältigung dieser Aufgaben gelingt oder auch nicht gelingt.

Tag zwei – Ein Blick in die Praxis

Wurde am ersten Tag stärker eine theoretische Perspektive eingenommen, lag der Fokus des zweiten Tages auf der pädagogischen Praxis. Nach einem kurzen Rückblick auf die Inhalte des ersten Tages, begann die weiteren Infoshops.

Dr. Vera Dittmar und Alexander Gesing vom Beratungsnetzwerk Grenzgänger (IFAK e. V.) verknüpften in ihrem Infoshop „Arm und Radikal? Auswirkungen von sozialer Ungleichheit auf Hinwendungsprozesse zum religiös begründeten Extremismus“ theoretische wie lebensweltliche Perspektiven auf soziale Ungleichheit mit ihren Erfahrungen aus der Tertiärprävention im Bereich islamistischer Extremismus. Auch beleuchteten sie anhand eines Fallbeispiels die konkrete Wahrnehmung sozialer Ungleichheit und mögliche Auswirkungen auf den Hinwendungsprozess. Im zweite Infoshop „Soziale Ungleichheit in Ansprache und Ideologie der Hizb ut-Tahrir“, richteten Matthias Schmidt und Sven-Jonas Martiensen von Kamil 2.0 (BIG e. V.) den Blick auf extremistische Gruppierungen selbst. Am Beispiel der Hizb ut-Tahrir diskutieren sie das Aufgreifen sozialer Ungleichheit und ordnen es in die Ansprache und Ideologie der Gruppe ein. Auf dieser Grundlage formulierten sie Implikationen für die pädagogische Arbeit.

Derviş Hızarcı, Programmdirektor der Alfred Landecker Foundation und Vorstandsmitglied der KIgA und der BAG RelEx, rundete den Fachtag mit seinem Vortrag „Lessons learned: Mögliche Implikationen für die Präventionsarbeit“ ab.

Zur Übersicht finden Sie hier das Programm des Fachtages als PDF.

Übersicht der Referent*innen am 26. Oktober

Übersicht der Referent*innen am 27. Oktober

Prof. Dr. Boike Rehbein

Dr. Boike Rehbein ist seit 2009 Professor für Gesellschaft und Transformation am Institut für Asien und Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er studierte Philosophie, Soziologie und Geschichte in Freiburg, Paris, Göttingen, Frankfurt und Berlin, promovierte 1996 in Philosophie und habilitierte 2004 in Soziologie. Von 2004 bis 2006 vertrat er den Lehrstuhl für allgemeine Soziologie an der Universität Freiburg und leitete von 2006 bis 2009 das Global Studies Programme. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozialtheorie, Globalisierung, soziale Ungleichheit und Südostasien.

Bei dem Fachtag hielt Prof. Dr. Boike Rehbein den Eingangsvortrag „Was ist soziale Ungleichheit? Klassen, Kulturen, Kapital und Habitus“.

Peter Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London. Er ist Gründer und war langjähriger Direktor, des weltweit renommierten International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR), ebenfalls am King’s College. 2017 war er Sonderbeauftragter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) für den Kampf gegen die Radikalisierung. Seitdem berät er zudem die nordrhein-westfälische Landesregierung zu Sicherheitsfragen und zur Terrorismusbekämpfung.

Prof. Peter Neumann hielt im Rahmen des Fachtages den Vortrag „Bausteine der Radikalisierung – Soziale Ungleichheit im Kontext“.

Dr. Britta Elena Hecking

Dr. Britta Elena Hecking arbeitet seit April 2017 für die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.) und leitet aktuell das Projekt „Kiez-Academy – diskriminierungskritische Perspektiven in der Nachbarschaft“. Ihre Themen- und Arbeitsschwerpunkte bei der KIgA sind sozialraumorientierte Ansätze politischer Bildung und Prävention, Peer-Education, urbane Ungleichheit und räumliche Dimensionen von Ausgrenzung.

Beim Fachtag hielt Dr. Britta Elena Hecking den Infoshop mit dem Titel „Radikalisierung im Kontext städtischer Ungleichheit – humangeographische Perspektiven“.

Axel Schurbohm ist Sozialarbeiter und Fachreferent für religiös begründeten Extremismus bei der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx). Er war in unterschiedlichen Projekten der Radikalisierungsprävention bei der Türkischen Gemeinde in Schleswig-Holstein e.V. (TGSH) tätig. Für PROvention – die Präventions- und Beratungsstelle gegen religiös begründeten Extremismus schulte er in primärpräventiven Angeboten Lehrer*innen und Schüler*innen und beriet Betroffene von religiös motivierter Radikalisierung. Darüber hinaus baute er die Fachstelle Liberi – Aufwachsen in salafistisch geprägten Familien mit auf.

Axel Schurbohm hielt beim Fachtag den Infoshop mit dem Titel „Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf den Bildungs(miss)erfolg“.

Dr. Vera Dittmar hatte eine Juniorprofessur für Soziologie an der EvH Bochum inne und ist wissenschaftliche Leiterin der Forschungsstelle Deradikalisierung (FORA). Sie ist für das Beratungsnetzwerk Grenzgänger tätig und forscht in Kooperation mit dem Forschungszentrum Migration, Integration und Asyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Ihr aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich mit den Potentialen der Systemischen Beratung als Ansatz zur Deradikalisierung. Neben soziologischen und forschungsmethodischen Fragestellungen beschäftigt sich Frau Dr. Dittmar mit religiös begründetem Extremismus in islamistischer Ausprägung.

Dr. Vera Dittmer hielt gemeinsam mit ihrem Kollegen Alexander Gesing den Infoshop „Arm und Radikal? Auswirkungen von sozialer Ungleichheit auf Hinwendungsprozesse zum religiös begründeten Extremismus“.

Alexander Gesing studierte Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule RWL und Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Globalisierung, Transnationalisierung und Governance an der Ruhr-Universität Bochum und der Universität Duisburg-Essen. Während und nach seinem Studium war er in unterschiedlichen Positionen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe tätig. Außerdem war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Teilprojekt-Manager im Projekt „Vaterschaft zwischen Jugendhilfeerfahrung und väterlicher Kompetenz“ im Central European Network on Fatherhood (CENOF) der Universität Wien und der Fachhochschule Dortmund tätig. Alexander Gesing ist als stellvertretende Projektleitung und als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Berater beim Beratungsnetzwerk Grenzgänger tätig.

Bei dem Fachtag hielt Alexander Gesing gemeinsam mit Dr. Vera Dittmar den Infoshop „Arm und Radikal? Auswirkungen von sozialer Ungleichheit auf Hinwendungsprozesse zum religiös begründeten Extremismus“.

Sven-Jonas Martiensen studiert derzeit Islamische Religion/Theologie sowie Germanistik für das Lehramt und ist pädagogischer Mitarbeiter bei Kamil 2.0 (zuvor auch bei Kamil 1.0). Sein Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Konzeption, Durchführung und Analyse von präventionsorientierten Bildungsangeboten. Seine fachlichen Schwerpunkte sind vor allem Salafismus sowie pädagogische und didaktische Themenkomplexe.

Beim Fachtag hielt Sven-Jonas Martiensen gemeinsam mit Matthias Bernhard Schmidt den Infoshop mit dem Titel „Soziale Ungleichheit in Ansprache und Ideologie der Hizb ut-Tahrir“.

Matthias Bernhard Schmidt ist islamischer Theologe und arbeitet seit 2015 in der Prävention gegen  religiös begründeten Extremismus. Derzeit leitet er das Präventionsprojekt Kamil 2.0. Davor war in einem Präventionsprojekt in Bremen tätig, bevor er 2018 mit Kamil (1.0) ein eigenes Projekt beim Hamburger Träger Bündnis der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland e.V. (BIG) startete, welcher auch Träger  des Projekts Kamil 2.0 ist.

Bei dem Fachtag hielt Matthias Bernhard Schmidt gemeinsam mit Sven-Jonas Martiensen den Infoshop mit dem Titel „Soziale Ungleichheit in Ansprache und Ideologie der Hizb ut-Tahrir“.

Derviş Hizarcı

Derviş Hızarcı ist Programmdirektor der Alfred Landecker Foundation. Des Weiteren ist er Vorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) und stellv. Vorstandsvorsitzender der BAG RelEx. Von August 2019 bis September 2020 war er Antidiskriminierungsbeauftragter der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Er ist Mitglied im Beraterkreis Antisemitismus des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. Derviş Hizarcı hat an der Freien Universität seinen Master of Education gemacht und vier Jahre als Lehrer in Berlin gearbeitet.

Derviş Hızarcı rundete den Fachtag mit seinem Vortrag „Lessons learned: Mögliche Implikationen für die Präventionsarbeit“ ab.

Die Veranstaltung fand am Rahmen von KN:IX statt.

KN:IX